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DIE HAUT, IN DER ICH WOHNE
Die filmischen Anfänge des spanischen Regisseurs Pedro Almodóvar sind eng mit der Movida madrileña, der Freiheitsbewegung in Madrid nach dem Untergang der Franco-Diktatur, verknüpft. Euphorisch und unterhaltend, aber nicht unkritisch, brechen seine Spielfilme mit überkommenen Moralvorstellungen und bringen bis dahin nur aus sogenannten Underground-Filmen gekannte Helden auf die großen Kinoleinwände der Welt. In tragisch-komischen und facettenreich verwickelten Geschichten vermengen sich sämtliche Filmgenres und Fernsehformate: Komödien, Melodramen, Krimis, Thrillers, Sozialstudien, Telenovelas und Reality-TV prägen bis zum Ende der 90er Jahre die pluralistische Architektur seiner einzelnen Filme.
Der Oscar prämierte Film „Alles über meine Mutter“ (Todo Sobre Mi Madre, 1999) kennzeichnet Almodóvars Wende von der Gattung der Tragikomödie und der Vermengung der Formen hin zum einfacheren und populären Genre des Melodram. Wie seine Vorbilder Douglas Sirk (1897–1987) und Rainer Werner Fassbinder (1945–1982) setzt er aber weniger auf das gefühlsselige und emotional-manipulative des Genres, sondern bringt mit ihm weiterhin außergewöhnliche und für die großen Filmstudios ungeeignete Figuren auf die Leinwand.
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Elena Anya (Vera), Antonio Banderas (Dr. Ledgard)
© TOBIS Film.
Auch sein achtzehnter Spielfilm „Die Haut, in der ich wohne“ (La Piel Que Habito, 2011) ist ein Melodram, das zusätzlich mit sämtlichen Elementen des gegenwärtig beliebten Psychothrillers ausgestattet ist. Die Geschichte des plastischen Chirurgen Robert Ledgard (Antonio Banderas) und seiner Patientin Vera (Elena Anya) lässt sich im Nachhinein chronologisch erzählen. Almodóvar beginnt aber inmitten der Handlung, so dass der Film die meiste Zeit über ein Geheimnis birgt.
Ein seltsames Rätsel umgibt die schöne Vera, die vom renommierten Schönheitschirurgen und seiner Haushälterin Marilia (Marisa Paredes) in seiner Villa wie eine Gefangene gehalten und überwacht wird. Ihre Haut ist der zentrale Ausgangspunkt dieses Mysteriums. Die Oberfläche des Körpers wird auch im requisitenreichen Film in einer Reihe von Substituten zum Gegenstand gemacht – angefangen bei der alltäglichen Kleidung bis hin zu fetischisierten, hautähnlichen Materialien wie Leder, Gummi und Latex. Hinzu kommen zahlreiche Zitate und Anspielungen aus der Kunst, die von Tizian über Louise Bourgeois, Mathew Barney bis hin zur Graffiti-Kunst reichen.
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Vera (Elena Anya), Dr. Ledgard (Antonio Banderas)
© TOBIS Film.
An prominenter Stelle der Villa hängen zwei berühmte Venusdarstellungen Tizians: Die Venus von Urbino von 1538 und die Venus mit dem Orgelspieler von 1547. Damit wird der Schönheitschirurg als Kunstkenner charakterisiert, denn Tizian gilt nicht nur als hervorragender Maler des Lichts, sondern auch als Meister der Nachahmung des Inkarnats, des Hauttons. Um ihrem Herrn zu gefallen, posiert Vera wie eine Venus für ihn. Jedoch wirkt sie in ihrem fleischfarbenen Catsuit um vieles künstlicher als ihre gemalten Vorbilder. In dieser Umkehrung, in der das Lebendige künstlicher als die Kunst wirkt, offenbart sich die dichotomische Struktur, die sowohl dem Film als auch den einzelnen Charakteren unterliegt. Natur und Kunst, Wahrheit und (Selbst-)Täuschung, echt und unecht stellen sich permanent gegenseitig in Frage und treiben die Ereignisse an, um dabei immer wieder nach dem Verhältnis von Täter und Opfer, Schuld und Unschuld zu fragen. Wer ist was und unter welchen Vorzeichen kehren sich die Verhältnisse um?
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Marisa Paredes (Marilia), Roberto Álamo (Zeca)
© TOBIS Film.
Inmitten dieses Spiels der Täuschungen, gebettet in einem verzwickten Geflecht aus Begehren und Rache, breitet Almodóvar dann noch eines seiner konstanten Themen aus: Die Mutter-Kind-Beziehung. Da ist die Mutter, die ihrem einen Sohn treu und ergeben dient, während sie den anderen bereits kurz nach der Geburt verbannt hat; die Mutter, die für ihr persönliches Glück nicht nur den Ehemann, sondern auch ihre Tochter in Stich lassen will; und schließlich die Mutter, die davon überzeugt ist, dass ihr tot geglaubter Sohn noch lebt und eines Tages zurückkehren wird...
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Vincente (Jan Cornet) © TOBIS Film.
Wie dies nun alles mit der Geschichte der schönen Vera und des depressiven Dr. Robert Ledgar zusammenhängt, sollte in diesem Herbst ein jeder selbst herausfinden. Denn auch wenn Almodóvar schon länger die Vitalität und Subversivität seiner früheren Filme verloren hat und nun nahezu klassisch hollywoodesk erzählt, ist „Die Haut, in der ich wohne“ immer noch meisterhaft vielschichtig, ambivalent und subtil bis in die kleinste Pore.
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DIE HAUT, IN DER ICH WOHNE. La Piel Que Habito, Spanien, 2011. 120 Minuten.
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